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Mit dem Fahrrad in Nürnberg unterwegs

Radfahren auf dem Hauptmarkt in Nürnberg

Ein Kommentar

Im Verkehrsausschuss der Stadt Nürnberg wurde am 22.10.2015 entschieden, dass für eine Probezeit von einem Jahr, der Nürnberger Hauptmarkt für den Radverkehr offiziell befahrbar wird.

Quelle: Wikipedia / Wikimedia / Nicohofmann

Zwischen  dem Schönen Brunnen (links) und der kleinen Straße links von der Frauenkirche soll der Radverkehr erlaubt werden. – Quelle: Wikipedia / Wikimedia / Nicohofmann

Zuerst ist das schon mal eine bemerkenswerte Entscheidung. Es gibt verkehrspolitische Radfahrer (z.B. im ADFC), die sich für das Queren des Hauptmarkts bereits seit über 25 Jahren einsetzen. Dass es jetzt zu dieser Entscheidung gekommen ist, hat viel mit dem Wandel zu einer positiveren Haltung dem Radverkehr gegenüber in der Gesellschaft zu tun.

Bereits Anfang 2013 hatte ich mehrfach über den Hauptmarkt geschrieben.
Der Hauptmarkt und die Nürnberger Fahrradpolitik (06.01.2013)
Hauptmarkt reloaded (08.01.2013)
Weitere Diskussionen um den Hauptmarkt (20.01.2013)
Und auch vor 2 Monaten noch mal
Radeln über den Hauptmarkt in Nürnberg (09.08.2015)

Bis zuletzt hat die Stadtratsfraktion der CSU sich gegen das Vorhaben gewehrt. An sich nichts ungewöhnliches bei Maßnahmen, die dem Radverkehr in der Stadt betreffen. Ausschlaggebend war diesmal vor allem die Haltung des CSU-Wirtschaftsreferenten Dr. Michael Fraas, der u.a. für den Marktbetrieb am Hauptmarkt zuständig ist. Er befürchtet chaotische Zustände und Probleme mit Fußgängern.
Gestützt wurde dieser Widerstand vor allem noch vom Behindertenrat. Die Einwände des Herrn Fraas konnte ich nicht nachvollziehen, weil sie wieder typisch CSU-fahrradfeindliche Polemik enthalten. Die Bedenken des Behindertenrats sind dagegen durchaus ernst zu nehmen.

Was ist die bisherige Situation am Hauptmarkt?
Der Hauptmarkt in Nürnberg ist ein relativ großer Platz mit grobem Kopfsteinpflaster (das sollte aus Sicht des Behindertenrats auch ein Problem sein) und ist verkehrsrechtlich als Fußgängerzone deklariert. Radfahren ist dort aktuell verboten. Da der Hauptmarkt genau mitten in der besten Fahrradverbindungsachse der Stadt liegt (Pegnitztalradweg), fahren seit Jahren viele Radfahrer illegalerweise die ca. 100m über den Markt. Zählungen gehen  von ca. 1.800 Radfahrer täglich aus. Nennenswerte Probleme sind dabei bisher nicht aufgetreten. Polizeiliche Kontrollen sind nur selten durchgeführt worden.

Auf dem Hauptmarkt findet ein Marktbetrieb statt und an einer nicht unerheblichen Anzahl Tage im Jahr ist der Platz durch Veranstaltungen belegt (z.B. Christkindlesmarkt, Bardentreffen, Sportevents, etc.). Außerdem wird jeder Tourist in Nürnberg mindestens einmal den Hauptmarkt besuchen.

Was ist jetzt entschieden worden?
Entgegen einigen wirren Meldungen in der Presse, wird es keine sofortige Öffnung des Hauptmarkts geben, sondern erst Anfang 2016 (die Meldung in der NN-Presse „Der Hauptmarkt ist ab jetzt frei für den Radverkehr“ hatte was von Günter Schabowskis verwirrende Pressemitteilung am 9. November 1989. Die Meldung wurde im Online-Artikel später korrigiert).

Auf Antrag der Grünen Stadtratsfraktion wurde im Verkehrsausschuss entschieden, dass das Radfahren auf dem Hauptmarkt für einen Versuchszeitraum von 12 Monaten erlaubt sein soll.
In der Zeit soll die Fußgängerzone „Hauptmarkt“ zwischen dem Schönen Brunnen und die Brautkehre neben der Frauenkirche befahren werden dürfen (auf dem Bild am Anfang des Beitrags sind sowohl der Schöne Brunnen als auch die Gasse neben der Frauenkirche zu sehen). Allerdings mit einigen Einschränkungen:

Erstens kann der Hauptmarkt nur befahren werden, wenn keine größeren Veranstaltungen stattfinden. Außerdem wird die Freigabe verkehrsrechtlich genau so geregelt werden, wie auch bereits an vielen anderen Stellen in der Stadt: Durch den Zusatz „Radfahrer frei“ ist es dem Radverkehr nur gestattet, mit angepasster Geschwindigkeit und Rücksicht auf die Fußgänger zu queren. Nur „Radfahrer frei“ wird nun mal von vielen Verkehrsteilnehmern nicht unbedingt mit „langsam fahren“ gleichgesetzt.
Der ADFC schlägt sogar vor, explizit auf dem Zusatzschild darauf hinzuweisen, dass der Fußverkehr die höchste Priorität hat und zu berücksichtigen ist.

Vorschläge des ADFC aus dem Brief an die Stadtratsfraktionen vor der Sitzung des Verkehrsausschusses am 22.10.15

Vorschläge des ADFC aus dem Brief an die Stadtratsfraktionen vor der Sitzung des Verkehrsausschusses am 22.10.15

Und wie geht es weiter?
Anfang 2016 wird der Versuch starten. Dafür werden nur die oben beschriebenen Verkehrsschilder benötigt. Der Versuch wird zudem wissenschaftlich begleitet. Die Befürworter der Hauptmarkt-Querung werden vermutlich einiges an Öffentlichkeitsarbeit leisten, damit es keine Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern gibt. Die Herausforderung wird sein, die Verkehrsregel-Analphabeten unter den Radfahrern zu erreichen und zur gemäßigten Geschwindigkeit zu überzeugen. Nur wenn der Versuch ohne nennenswerte Konfrontationen über die Bühne geht, kann darauf gehofft werden, dass die legale Hauptmarktquerung dauerhaft eingerichtet wird.
Währenddessen haben in diversen Online-Kommentaren (z.B. auf nordbayern.de) die Fahrradgegner mit ihren üblichen Argumenten schon auf das Ende des Rechtsstaates eingestellt.

Ich hoffe, dass der Versuch nicht an einigen wenigen Rowdies scheitert, sondern dass alle Verkehrsteilnehmer verantwortungsvoll mit dieser neuen Möglichkeit umgehen.

Autor: Quirinus

Zweirad fahren in Nürnberg und Umgebung. Meistens mit dem Fahrrad. Meine Geschichten, Bilder und Meinungen dazu findest du unter https://nuernberg2rad.wordpress.com

One thought on “Radfahren auf dem Hauptmarkt in Nürnberg

  1. Ich freue mich auf den Versuch. In meinem Weltbild wird die Freigabe keine neuen Rowdies anziehen – es werden immer noch die selben 1800 Pendler über den Hauptmarkt radeln, die das auch jetzt schon tun. Dazukommen werden regelfolgsame Radler, die sich bisher eine andere Route gesucht haben – und ich kann mir nicht vorstellen, dass diese einen Fußgänger umradeln.

    Der heutige, nachgeschobene Kommentar von Herrn Fraas („mir reicht es aber nicht, wenn die Uni eine Strichliste über Unfälle führt – die Polizei muss das auch überwachen“) ist hingegen nur schwer zu verstehen. Politische Entscheidungen sind mir offenbar kaum mehr nachzuvollziehen.

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