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Mit dem Fahrrad in Nürnberg unterwegs

Lernen von Holland (1) – Ausfahrten

6 Kommentare

Ich möchte eine Serie mit praktischen Fahrradlösungen aus Holland starten. Es geht um kleinere und größere Lösungen für die Fahrrad-Infrastruktur. Was im holländischen Straßenbild ganz normal und selbstverständlich ist, ist es bei uns in Nürnberg und Umgebung noch lange nicht.

Speziell die andere Umsetzung vieler Details, macht das Radfahren in Holland im Alltag viel angenehmer und sicherer. Wer in Holland mal mit dem Rad unterwegs war, weiß die Vorteile der dort üblichen separaten Radwege-Infrastruktur zu schätzen. Dass diese mit den bei uns in Franken umgesetzten Radwegen oftmals nicht viel gemein hat, soll kein Grund sein, separate Radwege grundsätzlich abzulehnen, sondern dies soll ein Ansporn sein, die Radwege in Franken komfortabler und sicherer zu gestalten. Nur mit einer guten separaten Fahrrad-Infrastruktur, wird es möglich sein, ein großer Teil der Autofahrer zum Umstieg aufs Rad zu bewegen.

Das erste Thema: Grundstücksausfahrten.

Mit Erstaunen und Enttäuschung habe ich festgestellt, dass beim gerade fertiggestellten neuen Radweg an der Erlanger Straße, das herkömmliche Radfahrer-feindliche Ausfahrten-Design verwendet wurde, das wir seit Jahren kennen. Ich weise explizit auf dieses Beispiel hin, weil ich der Meinung bin, dass es besser geht. Und zwar ohne Mehraufwand! Und weil die bisherige Art der Umsetzung nicht mehr zeitgemäß ist.

Neuer Grundstücksausfahrt an der Erlanger Straße. Der Radweg ist unterbrochen.

Neuer Grundstücksausfahrt an der Erlanger Straße. Der Radweg ist unterbrochen.

Die Merkmale solcher Grundstücksausfahrten, die separierte Radwege/Fußwege kreuzen:

  • Der Asphalt des Radweges wird durch Plastersteine unterbrochen. Das ist erstens unbequem für den Radfahrer und zweitens unsicher, denn der Autofahrer, der die Ausfahrt verlässt, hat keinen deutlichen optischen Hinweis, dass er jetzt einen Radweg / Fußweg quert.
  • Das Niveau des Radweges wird bei jeder Ausfahrt abgesenkt. Auch das ist für den Radfahrer unbequem, vor allem wenn mehrere Ausfahrten direkt nacheinander platziert sind (siehe Bild unten). Man kommt sich vor wie bei einem Kamelritt. Das Sicherheitsproblem dieser Konstruktion: Der einbiegende Autofahrer kann ohne Abbremsen in die Einfahrt reinfahren, da die Absenkung auf Fahrbahnniveau ihm das ermöglicht.

Und dann stellt man fest: Diese Art von Ausfahrten sind zu 100% für die ein- und ausfahrenden Autos optimiert. Die Interessen der Radfahrer und Fußgänger werden hier überhaupt nicht berücksichtigt! Bei der Ausfahrt an der Erlanger Straße kann man sogar vermuten, dass diese vielleicht 2x täglich von einem Auto benutzt wird. Und an guten Tagen fahren hier sicherlich 1.000 Radfahrer vorbei. Das ist der eigentliche Skandal dieser Konstruktion.

Für eine fahrradfreundliche Stadt gehört sich das anders. In stelle hier mal die Lösung aus Holland (2 Beispiele) vor. Das wird nicht nur bei Ausfahrten, sondern auch bei der Querung von Seitenstraßen verwendet. (Auf die Seitenstraßen komme ich in einem zukünftigen Blog-Beitrag noch mal).

Grundstückseinfahrt mit Beton-Kerbstones. 2-Richtungsradweg

Holland 1: Grundstückseinfahrt mit Beton-Kerbstones. 2-Richtungsradweg

Holland 2: Grundstückseinfahrt für Radfahrer kaum auffällig.

Holland 2: Grundstückseinfahrt für Radfahrer kaum auffällig. Für Autofahrer aber sehr deutlich.

Was zeichnet diese Ausfahrt aus?

  • Der Radweg (durchgehend mit rotem Asphalt!) und der Fußweg werden auf dem gleichen Niveau weitergeführt (kein Kamelritt). Durch die Gestaltung der Oberfläche wird es dem ausfahrenden Autofahrer sofort deutlich, dass er hier mit querenden Verkehrsteilnehmern rechnen muss. Die Radfahrer und Fußgänger haben indes keine Komforteinbuße und können ungehindert weiter fahren und gehen.
  • Der einfahrende Autofahrer muss die kleine Rampe überwinden um Rad- und Fußweg zu queren. Dazu muss die Geschwindigkeit des Fahrzeugs erheblich reduziert werden. Ein weiterer Sicherheitsaspekt, der insbesondere bei separaten Radwegen sehr wichtig ist!

Man sieht, dass durch solche kleine aber durchdachte Maßnahmen, die Sicherheit und der Komfort für den Radverkehr erhöht werden können, ohne den Autoverkehr zu benachteiligen. Die Radfahrer in Nürnberg freuen sich, wenn die Planer des Verkehrsplanungsamtes dieses Design ab sofort bei neuen Radwegen übernehmen.

Anbei noch 2 Beispiele, wie es nicht sein sollte:

Schweinauer Hauptstraße

Schweinauer Hauptstraße

Sigmundstraße - Gehweg/Radfahrer frei. Mehrere Ausfahren nacheinander. Kopfsteinpflaster.

Sigmundstraße – Gehweg/Radfahrer frei. Mehrere Ausfahren nacheinander. Kopfsteinpflaster.

P.S. am 08.04.15: Das ursprüngliche Holland-Bild habe ich durch 2 bessere Beispiele ersetzt.

Autor: Quirinus

Zweirad fahren in Nürnberg und Umgebung. Meistens mit dem Fahrrad. Meine Geschichten, Bilder und Meinungen dazu findest du unter https://nuernberg2rad.wordpress.com

6 thoughts on “Lernen von Holland (1) – Ausfahrten

  1. Ein tolles Beispiel für kleine, kostenneutrale Entscheidungen, die den Radfahrern und Fußgängern die Fortbewegung erleichtern. Aber eben nicht mit dem „Schema F“ (pro Auto, dann der Rest) der hiesigen Planer und Ausführenden kompatibel …

  2. schöner Beitrag – und alles völlig korrekt dargelegt.
    Woher kommt dieser Unfug mit den abgesenkten Einfahrten? Gibt es dafür eine Bauvorschrift in Deutschland?

  3. Super Beitrag, gerne mehr davon.

  4. Da bin ich aber nicht begeistert von der niederländischen Lösung:

    1. jedes! Auto fährt über den Radweg auf den Parkstreifen
    2. jeder! Autofahrer öffnet die Tür auf den Radweg hin und steigt darauf aus
    3. seitliche knappe Verschwenkung im Bereich der Einfahrt
    4. Fußgängerüberweg im Bereich der Einfahrt
    5. Schachtdeckel im Bereich der Einfahrt

    Positiv sehe ich den Oberflächenbelag und das beibehaltene Niveau des Radwegs.

    Der Gedanke hinter unterschiedlichem Belag/Pflaster im Bereich von Einfahrten ist, gerade auf eine mögliche Konfliktsituation dort hinzuweisen. Das Ergebnis ist oft eine Zwangsbremsung des Radverkehrs; Kraftverkehr bemerkt den Oberflächenunterschied nicht und überfährt diese Flächen ungerührt. Fahrzeugverkehr mit Geschwindigkeit über Fußgängerniveau wird halt erst auf der Fahrbahn erwartet. Das ist der Geburtsfehler des Radwegs.

    • Hallo Johannes,
      zu deinen Anmerkungen:
      1. jedes! Auto fährt über den Radweg auf den Parkstreifen –> Stimmt, das ist in dem Fall so. Ist sicherlich nicht ideal.
      2. jeder! Autofahrer öffnet die Tür auf den Radweg hin und steigt darauf aus –> Stimmt auch, ist aber in der Praxis kein Problem (in Holland)
      3. seitliche knappe Verschwenkung im Bereich der Einfahrt –> Ich weiß auch nicht warum (siehe 4)
      4. Fußgängerüberweg im Bereich der Einfahrt –> Stimmt. Erst kürzlich habe ich festgestellt, dass es sich hier um eine Seitenstraße, also nicht um eine Einfahrt handelt. Ich werde das Bild durch ein anderes ersetzen
      5. Schachtdeckel im Bereich der Einfahrt –> Nicht schön, aber 100% eben. Risiko bei Nässe bleibt aber.

      Wie unter Punkt 4 beschrieben, werde ich das Foto gegen ein anderes austauschen. Ich war inzwischen wiede rin Holland und habe ein gutes Bild machen können

      • Hallo Quirinus,
        die zwei neuen Bilder sind deutlich besser, da sollten jetzt beim deutschen Straßenplaner keine Missverständnisse mehr aufkommen😉

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