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Mit dem Fahrrad in Nürnberg unterwegs

…im Nachhinein betrachtet

6 Kommentare

Gestern Abend fand der angekündigte Vortrag statt…

Plakat Vortrag colIch möchte mich hier noch mal bei den vielen Besuchern des Vortrags bedanken. Dafür, dass alle mir so andächtig zugehört haben. Dafür, dass viele, die nicht einmal einen ordentlichen Sitzplatz hatten, trotzdem geblieben sind. Und das alles, obwohl die Raumluft recht stickig war.

Wir hatten im Vorfeld keine Ahnung, wie viele Leute zum Vortag kommen würden. Der Raum ist offiziell mit 40 Sitzplätzen angegeben. Wir hatten trotzdem über 50 Stühle reingebracht und auch das hatte dann gar nicht gereicht.

Mir hat es trotzdem sehr viel Spaß gemacht. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie fahrradbegeisterte Nürnberger ins Staunen geraten, wenn sie sehen wie eine ordentliche Fahrrad-Infrastruktur funktioniert. Wenn ich die Bilder in Holland selbst zeigen würde, würde das vermutlich nur ein müdes Achselzucken auslösen. Nach dem Motto: „Was will denn der damit?“. Und das ist dann auch gleich wieder das Traurige an der Veranstaltung. Das, was für Holländer ganz normal ist, scheint bei uns fast unerreichbar, utopisch… Dabei ist vieles von dem was ich gezeigt habe, ohne nennenswerten Mehraufwand auch hier umsetzbar. Wenn der Wille und das Bewusstsein für die Sache da wären.

Wer wirklich davon überzeugt ist, dass sich bei uns in Franken was ändern soll, den möchte ich dazu aufrufen aktiv zu werden. Es gibt dazu viele Möglichkeiten. Du kannst einen Leserbrief an die Nürnberger Zeitung senden. Oder bei blöden Baustellen an SÖR. Bei unmöglichen Kreuzungen oder Ampelschaltungen an das Verkehrsplanungsamt. Oder an die Stadtratsfraktionen. Wenn du zusammen mit anderen was bewegen möchtest, kann das zum Beispiel beim ADFC oder beim Bündnis Radfairkehr tun. Oder du wählst die fröhliche Variante und fährst mit vielen anderen beim Critical Mass mit, jeden letzten Freitag im Monat (Opernhaus, ab 18 Uhr).

Auch wenn die Erfolge im Moment nur kleine sind und die Strecke lang und steinig ist: Jeder, der was tut, hilft ein wenig mit. Wie ich schon im Vortrag gezeigt habe: Zuerst braucht die Stadt eine gute Fahrradinfrastruktur, der Erfolg kommt dann schon fast von alleine. Um diese Infrastruktur zu bekommen braucht es viel Geld und Ideen. Und um das Geld zu bekommen, muss die Lokalpolitik (inkl. Oberbürgermeister!) davon überzeugt sein, dass eine lebenswerte Stadt nur eine Stadt sein kann, die nicht für viele Autos, sondern für Fußgänger und Radfahrer geplant ist.

Autor: Quirinus

Zweirad fahren in Nürnberg und Umgebung. Meistens mit dem Fahrrad. Meine Geschichten, Bilder und Meinungen dazu findest du unter https://nuernberg2rad.wordpress.com

6 thoughts on “…im Nachhinein betrachtet

  1. Hallo Quirinus,

    die Fragerunde ist gestern ja sehr schnell in eine Richtung gegangen, wo die Beiträge mehr Äußerungen von Bitterkeit und Frust darstellten als direkte Auseinandersetzung mit dem Vortrag. Ich hatte paar eher bodenständige Fragen, die ich doch gerne stellen würde. Du brauchst sie nicht alle im Kommentarbereich beantworten, vielleicht kannst du paar ausführliche Blogbeiträge daraus machen, wenn du willst.

    1. Radfahrer sind Autofahrer, hieß es im Vortrag. Wird in NL gemessen und ausgewertet, wie viele Autofahrer im Alltag nennenswert Rad fahren?
    2. Warum sind auf manchen Fotos so wenige Radfahrer unterwegs? Mobilitätsbedarf besteht durchaus, denn es sind einige Autofahrer auf den Bildern. (wundert mich einfach etwas)
    3. Gezeigte NL-Radwege führen manchmal im Dooring-Bereich. Gibt es in NL keine Vorschrift, die das verbietet?
    4. Wie wird in NL mit Fahrradleichen umgegangen?
    5. Warum sind die Zugänge bei der Fahrradtiefgarage als Treppen ausgeführt und nicht als befahrbare Rampen?
    6. Wäre es möglich, einen NL-Radweg und einen D-Radweg preislich gegenüber zu stellen (Überschlagsrechnung)?
    7. Gibt es in NL eine Vorschrift, die es untersagt, Kommunikation (Rohre, Kabel) unter Radwegen zu verlegen?

    Anbei noch Anmerkungen, die auch dahin gestellt bleiben können

    a. Du sagtest, dass wir gute Radwege brauchen, damit mehr Menschen Alltagsradfahrer werden. Städte wie. Kopenhagen, Münster oder Erlangen zeigen, dass Radfahrer auch mit (nach NL-Maßstäben) schlechten Radwegen zufrieden sind. Dieses Argument ist also sehr angreifbar.

    b. Safety by numbers: hier gibt es nach meinem Empfinden noch nicht genügend Forschung, um sagen zu können, wie wirksam das ist. Eine plausible Kausalität fehlt meiner Meinung nach. Es gibt die Hypothese, dass „safety by numbers“ in Wahrheit eine „safety by experience“ ist, dh. erfahrene Radfahrer kommen mit schlechter Radinfrastruktur besser zurecht, als weniger erfahrene. Und das wäre eine sehr plausible Erklärung für den scheinbar für alle sicherer werdenden Radverkehr. Das heißt aber auch, dass unerfahrene Radfahrer nicht davon profitieren, ein „safety by numbers“-Effekt greift bei ihnen nicht. Man sollte also nicht allzu viel darauf setzen.

    c. Gehwegradeln, Radwegzuparken und Geisterradeln findet auch in NL statt, sofern die Radwege schlecht sind. Zu sehen hier: https://www.youtube.com/watch?v=Ch1znl_5igc (Gehwegradler ab 2:00, am besten in voller Länge anschauen; Artikel ist in der Videobeschreibung verlinkt)

    d. Die Kreisverkehre in der gestern gezeigten Bauart brechen mit der Maxime, dass das Radfahren „für alle“ sein soll. Die ängstlichen Radfahrer fühlen sich hier sichtlich unwohl. Auch gelten solche Kreisverkehre als unsicher: http://www.aviewfromthecyclepath.com/2014/05/the-best-roundabout-design-for-cyclists.html
    Das einzig sichere ebenerdige Radwegdesign macht es erforderlich, dass Radfahrern die Vorfahrt entzogen wird. Unter diesen Umständen kann ich das Loblied auf Kreisverkehre nicht nachvollziehen.

    • Hallo Rico, danke für deinen Kommentar. Ich werde nicht auf alles eine Antwort geben können, aber ich versuche es mal. Erst die Fragen:
      1. Radfahrer sind Autofahrer, hieß es im Vortrag. Wird in NL gemessen und ausgewertet, wie viele Autofahrer im Alltag nennenswert Rad fahren?
      >>> Dazu habe ich so schnell keine Zahlen gefunden. Nur dass 84% der Bewohner 1 oder mehr Fahrräder besitzen. Und damit auch sehr viele Autofahrer.

      2. Warum sind auf manchen Fotos so wenige Radfahrer unterwegs? Mobilitätsbedarf besteht durchaus, denn es sind einige Autofahrer auf den Bildern. (wundert mich einfach etwas)
      >>> Die meisten Fotos habe ich am Ostermontag gemacht, da ist einfach wenig los. Kein Berufsverkehr, keine Schüler, etc. Unter der Woche und vor allem zu den Rushhour-Zeiten sieht es natürlich ganz anders aus.

      3. Gezeigte NL-Radwege führen manchmal im Dooring-Bereich. Gibt es in NL keine Vorschrift, die das verbietet?
      >>> Das ist mir nicht bekannt. Die Radwege sind aber grundsätzlich breiter, die Autofahrer sind besser konditioniert. Wenn der Radweg rechs von den Autos führt, ist immer ein kleiner Streifen da. Das hilft auch nichts, wenn der Beifahrer die Tür mit Schwung aufmacht, aber es ist ein schwacher Trost, dass die meisten Autos nur von einer Person befahren werden und keine Leute an der rechten Seite sitzen.

      4. Wie wird in NL mit Fahrradleichen umgegangen?
      >>> Das ist von Kommune zu Kommune unterschiedlich. Amsterdam hat eine eigene Fahrradleichenverwaltung. Es gibt an vielen Stellen Regeln, wie lange ein Rad stehen bleiben darf oder wo Räder stehen dürfen. Wenn Bedarf besteht (z.B. weil außerhalb von Fahrradbügeln geparkt wird) werden Räder entfernt und zentral gesammelt. Gegen Gebühr kann man sein Rad wieder auslösen. Wenn es nach einigen Monaten nicht abgeholt wurde, wird es versteigert oder Schrauberprojekten zugeführt.

      5. Warum sind die Zugänge bei der Fahrradtiefgarage als Treppen ausgeführt und nicht als befahrbare Rampen?
      >>> Das wurde bewusst so gemacht um zu vermeiden, dass die Leute mit viel zu hoher Geschwindigkeit in die Garage reinrauschen. Also Unfallvermeidung.

      6. Wäre es möglich, einen NL-Radweg und einen D-Radweg preislich gegenüber zu stellen (Überschlagsrechnung)?
      >>> Dazu wird es sicherlich irgendwo Zahlenmaterial geben. Allerdings ist ein NL-Radweg nicht überall gleich teuer, wie auch der D-Radweg an manchen Stellen günstiger gebaut werden kann als an anderen Stellen.

      7. Gibt es in NL eine Vorschrift, die es untersagt, Kommunikation (Rohre, Kabel) unter Radwegen zu verlegen?
      >>> Ich habe dazu irgendwann mal was gelesen, ist aber schon lange her. Ob es eine Vorschrift ist, weiß ich nicht mehr, aber es wird meistens vermieden unter Radwegen und Asphaltstraßen Kabel zu verlegen. Kanalrohre liegen meist in der Mitte der Straße. Kabel (sofern ich weiß) eher unter dem Gehsteig, der nicht asphaltiert, sondern gepflastert ist (leichter auf- und zumachen).

    • Zu den Anmerkungen:
      a. Du sagtest, dass wir gute Radwege brauchen, damit mehr Menschen Alltagsradfahrer werden. Städte wie. Kopenhagen, Münster oder Erlangen zeigen, dass Radfahrer auch mit (nach NL-Maßstäben) schlechten Radwegen zufrieden sind. Dieses Argument ist also sehr angreifbar.
      >>> Die OECD-Grafik zeigt auf jeden Fall, dass die Länder, die bessere Radwege haben (NL + DK) auch mehr Radfahrer „produzieren“. Auch eine Untersuchung der Uni Cardiff hat das bestätigt (http://www.fietsberaad.nl/?repository=Meer+fietspaden+leidt+tot+meer+fietsen). Allerdings geht daraus auch hervor, dass es wichtig ist, dass die Radwege nicht isoliert, sondern als Netz angelegt sind. Das ist vermutlich sogar wichtiger als die Ausgestaltung im Detail.

      b. Safety by numbers: hier gibt es nach meinem Empfinden noch nicht genügend Forschung, um sagen zu können, wie wirksam das ist. Eine plausible Kausalität fehlt meiner Meinung nach. Es gibt die Hypothese, dass “safety by numbers” in Wahrheit eine “safety by experience” ist, dh. erfahrene Radfahrer kommen mit schlechter Radinfrastruktur besser zurecht, als weniger erfahrene. Und das wäre eine sehr plausible Erklärung für den scheinbar für alle sicherer werdenden Radverkehr. Das heißt aber auch, dass unerfahrene Radfahrer nicht davon profitieren, ein “safety by numbers”-Effekt greift bei ihnen nicht. Man sollte also nicht allzu viel darauf setzen.
      >>> Das kann ich schwer beurteilen, da ich die Statistiken nicht selbst gemacht habe. Aber ich kann mir vorstellen, dass es für „Einsteiger“ leichter ist („me too“-Effekt) wenn viele Radfahrer auf der Straße unterwegs sind. In Holland liegt die Sache noch mal anders, weil die meisten Radfahrer seit der Kindheit auf dem Rad unterwegs sind.

      c. Gehwegradeln, Radwegzuparken und Geisterradeln findet auch in NL statt, sofern die Radwege schlecht sind. Zu sehen hier: https://www.youtube.com/watch?v=Ch1znl_5igc (Gehwegradler ab 2:00, am besten in voller Länge anschauen; Artikel ist in der Videobeschreibung verlinkt)
      >>> Holländer sind im Verkehr alles andere als Heilige, vor allem wenn sie auf dem Rad unterwegs sind. Interessant ist aber dieses Video, weil hier ein Radstreifen gezeigt wird und kein separater Radweg. Offensichtlich ist für diesen Typus Radweg weniger Akzeptanz vorhanden.

      d. Die Kreisverkehre in der gestern gezeigten Bauart brechen mit der Maxime, dass das Radfahren “für alle” sein soll. Die ängstlichen Radfahrer fühlen sich hier sichtlich unwohl. Auch gelten solche Kreisverkehre als unsicher: http://www.aviewfromthecyclepath.com/2014/05/the-best-roundabout-design-for-cyclists.html
      Das einzig sichere ebenerdige Radwegdesign macht es erforderlich, dass Radfahrern die Vorfahrt entzogen wird. Unter diesen Umständen kann ich das Loblied auf Kreisverkehre nicht nachvollziehen.
      >>> Vielen Dank für diesen Hinweis, ich werde das im nächsten Vortrag einbauen. Ich habe den sehr langen Beitrag vorerst nur überflogen, kann also nicht viel dazu sagen. Mein erster Eindruck ist, dass man für dieses Modell sehr viel Platz braucht. Ich kann mir aber vorstellen, dass es in Deutschland gut funktionieren kann (vermutlich besser als das Bredaer Modell).

  2. Danke für die Antworten, ein Gedanke geht mir nicht aus dem Kopf:

    wenn NL 35€/Kopf/a in die Infrastruktur investiert und man Fahrradtiefgaragen etc. wegrechnet, dann kommen vielleicht 25€/Kopf/a für die Erhaltung der vorhandenen Radwege. Wenn man nun schätzt, dass ein Neubau ein etwa Dreifaches einer Renovierung kostet (Flächenzukäufe, größere Umplanungen), dann kommt man auf 75€/Kopf/a an Investitionsbedarf für den Aufbau eines Radwegenetzes. Wenn man nun annimmt, dass die Lebensdauer eines NL-Radweges 30 Jahre beträgt, kommt für Deutschland ein Investitionsvolumen von 82M*30a*75€/a = 184500000000€ oder ca. 185 Milliarden heraus, um ein Radwegenetz auf NL-Niveau hin zu bekommen. Andererseits sind es bloß 6.2 Milliarden pro Jahr.

    Legt man das aktuelle DE-bundesweite Investitionsvolumen von geschätzt 3€/Kopf/a zu Grunde, dann würde es einen Anstieg um Faktor 25 bedürfen. Diese Hürde kommt mir sehr hoch vor und es ist noch nicht abzusehen, dass sie politisch genommen werden kann. Alles deutlich darunter halte ich im Grunde für Geldverschwendung. Es erfordert einen starken Rückhalt in der Bevölkerung, und dieser ist nicht in Sicht. Man kommt auf die Frage zurück, die Du neulich gestellt hast (wie kommen wir als Gesellschaft von Auto weg), diese halte ich für eine der Kernfragen und für deren Beantwortung gibt es aktuell keinen realistischen Plan.

    • Ja, fröhlich wird man nicht, wenn man so mal tief darüber nachdenkt. Ich kann mir nur einen Bewusstseinswandel bei einem Großteil der Bevölkerung vorstellen, wenn durch eine Ölkrise die Benzinpreise schlagartig dramatisch nach oben gehen. Aber aktuell haben wir Krisen in der ganzen Welt, nur nicht am Ölmarkt. Seltsam. Trotzdem wird das Thema Peak Oil uns irgendwann begegnen und dann ist das Geheule groß…

      • Ich persönlich würde es ja erstmal schon für gut befinden wenn sich um die Basics – ich nenne es mal so – richtig gekümmert wird. Z. B. Richtige Baustellen Führung, Radwegparker oder aber auch saubere/schneefreie Radwege.
        Ich denke das wird auch für Sicherheit bei Umsteigern führen, wenn diese nicht bei ihrer ersten Fahrt an solche Hindernisse stoßen.

        Zum anderen denke ich ist vielleicht bei unseren knappen Radwege Etat vielleicht sinnvoller dies für viele kleine Verbesserungen z. B. Abmarkierung an Ampeln über die gesamte Breite – hoffe ihr versteht was ich meine – oder Ausbesserung von hupeligen / zerstörten Radwegen auszugeben.
        Anstelle für ein / zwei Großprojekte.
        Was denkt ihr dazu?

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